Fragerunde: Wann wird es besser?

Manche Fragen stellt sich fast jeder Trauernde irgendwann nach dem Verlust. Weil die Antworten darauf so verschieden sind wie die Menschen, die die Fragen stellen, gibt es keine „Experteneinschätzung“ dazu. Stattdessen kommen diejenigen zu Wort, die es am besten wissen: Betroffene mit etwas mehr Abstand.

Die FrageWie lange dauert es, bis es besser wird? Und wird es überhaupt jemals besser?

Die Antworten:

„Ich konnte mir anfangs nicht vorstellen, dass es überhaupt irgendwann leichter wird. Die Trauer hat jede Faser meines Lebens und meines Körpers eingenommen und das auf eine so absolute Weise, dass ich dachte, sie bleibt für immer in dieser Brutalität. In der ersten Sitzung hat mich mein Therapeut gefragt, wann ich bereit wäre, die Trauer aufzugeben. Ich war total irritiert und dachte: Sofort, die Trauer fühlt sich entsetzlich an, ich will das nicht. Dann hat aber etwas in mir widersprochen. Ich habe gemerkt: Doch, die Trauer braucht es und das noch für eine ganze Weile. „In einem halben Jahr darf sie weniger werden“, habe ich zu meinem Therapeuten gesagt. „Und nach einem Jahr darf sie fast verschwinden. Aber nur fast.“ Ganz so einfach war es dann nicht. Es war kein kontinuierliches Weniger-werden, sondern ein Auf und Ab. Dass die Tendenz insgesamt abnehmend war, habe ich erst im Rückblick gesehen. Nach einem Jahr war der Schmerz schon ein gutes Stück kontrollierbarer und nicht mehr ganz so allgegenwärtig. Nach anderthalb Jahren hatte ein neuer Freund an meiner Seite Platz. Nach zwei Jahren hat sich mein Leben wieder halbwegs normal angefühlt und nicht mehr, wie ein permanenter Ausnahmezustand. Weg ist die Trauer auch jetzt nicht. Aber sie wurde zum stilleren, vertrauten Begleiter. So darf sie bleiben.“  Anna, 30, ihr Freund starb vor fünf Jahren

 

Sthle

"Am Anfang versucht man einfach nur, irgendwie mit der neuen Situation zurecht zu kommen und den Alltag zu meistern. Erst nach etwa drei Monaten habe ich angefangen, wirklich zu realisieren, was dieser Verlust für mich und meine Zukunft bedeutet. Diese Phase war für mich der Zeitpunkt, an dem ich begonnen habe, mich intensiv mit meiner Trauer auseinanderzusetzen. Ich habe dabei versucht, einen neuen Sinn, eine neue Perspektive für mein eigenes Leben zu entdecken und einen Weg zu finden, wie ich meiner Mutter auch nun, wo sie nicht mehr lebt, nah sein kann. Diese Zeit war am schwierigsten für mich und erst nach rund 1,5 Jahren habe ich langsam begonnen, wieder aktiver am Leben teilzunehmen und die Beziehung zu meiner verstorbenen Mutter neu definiert. Ich glaube aber, dass diese Phase wesentlich länger sein kann, wenn man seine Trauergefühle nicht annimmt und verarbeitet."  Ramona, 27, ihre Mutter starb vor 3 Jahren

 

„In den ersten Wochen habe ich überhaupt nichts verstanden. Ich konnte meine Frau nach ihrem Tod nicht mehr sehen. Weil ihr Köper nach dem Unfall so stark verletzt war, hat man mir von einer Abschiednahme abgeraten. Dieser Schritt hat mir gefehlt und deshalb hat es ein halbes Jahr gedauert, bis ich überhaupt kapiert habe, dass sie nicht mehr wieder kommt. Bis zum ersten Todestag habe ich dann viel gearbeitet und mit Freunden ausgemacht, um mich abzulenken. Danach wurde es leichter. Aber natürlich habe ich auch heute Phasen, wo es mit nicht so gut geht. Man lernt zum Glück mit der Zeit, dass die wieder vergehen.“  Christopher, 38, seine Frau starb vor 2 ½ Jahren

 

Bonding

„Durch das erste Jahr bin ich wie im Nebel gegangen. Zeitlos, raumlos, bedeutungslos. Das Erwachen kam kurz vor dem Jahrestag und hat nicht nur wahnsinnige Erschöpfung, sondern auch unendlich tiefen Schmerz mit sich gebracht. Immer mehr hat er mich verschluckt. Der Tiefpunkt war dann erst nach anderthalb bis zwei Jahren erreicht. So lange habe ich mich nur von Tag zu Tag geschleppt und versucht, immer nur die nächste Woche noch auszuhalten. Irgendwann kam dann ein erster Funken Lebenslust zurück, der hat ein kleines Feuer entfacht, das sich immer mehr ausgebreitet hat. Zwischendrin hat die Trauer wieder Eimer voller Tränen darüber ausgekippt, aber es hat sich nie mehr löschen lassen. Nach ungefähr drei Jahren habe ich wieder gerne gelebt und mir so etwas wie einen Alltag zurückerobert. In meinem Umfeld hatten leider nicht viele Menschen die Geduld, mich so lange auszuhalten. Von allen Seiten wurde mir signalisiert, dass es doch endlich mal wieder gut sein müsste. In der Trauergruppe hatten zum Glück alle Verständnis, obwohl ich auch da oft das Gefühl hatte, „die Langsamste“ zu sein und Extrarunden zu drehen. Heute weiß ich, dass jeder sein eigenes Tempo hat und es sich niemand aussuchen kann, wie er die Trauer durchlebt. Man kann nur sich selbst vertrauen. Die Seele weiß schon, was und wie viel Zeit sie braucht.“  Renate, 52, ihr Mann starb vor 11 Jahren

 

 

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